Samstag 19. Mai 2012
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Bildungspolitik

Live aus dem Schulalltag…

Die FPÖ hat wieder alle Lösungen parat. Meint sie. Diesmal geht es um die Schulpolitik. Nehmen wir einfach den Schüler_innen ihre Individualität und zwängen sie in Schuluniformen, am besten in solche, an denen man das Geschlecht des_der Träger_in gut erkennen kann und die Klischees von vor hundert Jahren widerspiegeln, und alle Probleme, die es an österreichischen Schulen gibt, lösen sich in Luft auf. Klingt nicht ganz logisch? Ist es auch nicht.


Um die tief sitzenden Fehler im österreichischen Schulsystem zu beheben, braucht es wohl andere Ansätze. Solange Zehnjährige (beinahe immer aufgrund ihrer sozialen Herkunft) selektiert werden, bleiben die gesellschaftlichen Klassen in Gymnasien und Hauptschulen unter sich - wie also will eine Kleidungsvorschrift soziale Ungleichheiten beheben, die innerhalb der Schule nicht ansatzweise so stark existieren wie "im echten Leben" draußen? Doch fernab von Diskussionen um (längst überfällige) Reformen hin zu Schulformen des 21. Jahrhunderts wie einer Gesamt- und Ganztagsschule ohne "Sitzenbleiben" haben die österreichischen Schüler_innen ganz andere Probleme.


50 Minuten
Wer sich nämlich auf dem Weg zu einem Schulabschluss befindet, hat zu kämpfen: ganz egal, ob der-/diejenige nun leicht lernt oder nicht. Weil der in Österreich übliche Frontalunterricht keine Möglichkeiten spezieller Förderung zulässt, wird der Unterricht für weiter Fortgeschrittene zu einer passenden Gelegenheit, Schlaf nachzuholen, während andere dem Lehrpersonal schon nicht mehr folgen können. Mit etwa 25 Jugendlichen in unflexiblen 50-Minuten-Einheiten sind natürlich auch die Optionen der Lehrkräfte, auf einzelne Schüler_innen eingehen zu können, enden wollend.


Dazu kommt, dass Österreichs Lehrer_innen den Bezug zu den Lebensrealitäten der Jugend oft längst verloren haben: Der Großteil ist zwischen 45 und 60 Jahren alt (Quelle: Statistik Austria), und auch die Motiviertesten unter ihnen schaffen es häufig nicht, weg von Lehrformen vergangener Jahrhunderte wie dem Frontalunterricht und hin zu moderneren zu finden. Die Ausstattung der Schulen geht mit dem Lehrpersonal d'accord: sanierungsbedürftige Gebäude, langsame Schulcomputer, veraltete Bücher und PC-Programme - den Schulen fehlt das Geld und die Schüler_innen bekommen das zu spüren.


Nicht genügend!
Noch schlimmer als nicht vorhandene Ressourcen jedoch treffen die zu Unterrichtenden andere Dinge: Der Notenwillkür der Lehrkräfte ist man völlig ausgeliefert, und bei weitem nicht jede Bewertung lässt sich rational rechtfertigen. Häufig spielen Vorurteile von Seiten des Lehrpersonals eine große Rolle: Schülerin M. etwa, mit mittelmäßigen, stets positiven Leistungen im Unterrichtsgegenstand Deutsch, schickt ihre Mutter zum Elternsprechtag.


Die Lehrerin stellt bei dieser einen ausländischen Akzent fest - prompt hagelt es in der Folge "Nicht genügend" für M., die Paragraph-5-Prüfung wird ebenfalls negativ bewertet. Erst bei der Nachprüfung im Herbst, vor anderen Lehrer_innen, bekommt M. die Chance, zu zeigen, was sie wirklich kann - und besteht die Prüfung mit einem "Gut". Dieses Beispiel ist leider nicht frei erfunden, sondern bittere Realität an Österreichs Schulen. Tag für Tag haben viele Schüler_innen mit schier unerklärlichen Benotungen zu kämpfen.


A wie Angst und Auswendiglernen
Daraus entsteht ein ständiger Leistungsdruck, dem viele nicht gewachsen sind. Angst vor Schularbeiten, Tests, Prüfungen gehören im österreichischen Bildungswesen zum Alltag. Das führt nicht nur zu schlechteren Leistungen - denn nur was man gerne macht und in diesem Fall lernt, macht man gut und merkt man sich auch! - sondern auch zu rein auswendig gelerntem Wissen, das man schnell wieder abgibt, um den Platz im Kopf für das nächste Fach und die nächste Überprüfung leer zu räumen.


So müssen viele Dinge, die eigentlich eine reine Verständnissache wären, einige Male gelernt werden, weil sie immer wieder benötigt, allerdings nie verstanden werden. Die wenigsten Lehrer_innen überprüfen, was die ihnen anvertrauten Jugendlichen tatsächlich "können", gehen aber bei der positiven Absolvierung einer Prüfung davon aus, dass "eh alles in Ordnung" sei - und ebnen so den Weg zu einer ausgeprägten Auswendiglern-Kultur an Österreichs Schulen.


Was ist Thema?
So verliert die Mehrzahl der österreichischen Schüler_innen früher oder später jegliche Lust, sich mit den Themen des Unterrichts auseinanderzusetzen, was nicht zuletzt aber auch an diesen liegt. Es gibt keine Möglichkeiten für die Schüler_innen, die Lerninhalte mitzubestimmen, und so gehen sie nicht nur an ihren Interessen vorbei, sondern erweisen sich auch oft als unbrauchbar, da veraltet. Gleichzeitig werden wichtige Inhalte aus dem Unterricht herausgelassen. Über Feminismus, Rollenbilder, LGBTQ-Rechte wird genauso wenig diskutiert wie über aktuelle politische Bewegungen. Dass es auch heutzutage noch Rechtsextremismus gibt, wird totgeschwiegen. Über Gesellschaften redet man bestenfalls im BWL-Unterricht, und die haben dann eine beschränkte Haftung. Zudem vermitteln Schulbücher (und Lehrpersonen) oft ein sehr einseitiges Bild und verhindern somit, dass sich die Schüler_innen selbst eines bilden können.


Wessen Schule? Unsere!
Hier würde ein verpflichtendes Lehrer_innenfeedback Abhilfe schaffen. Anonyme Befragungen einmal im Semester sowie Konsequenzen wie spezielle Fortbildungen bei negativer Bewertung würden den Schüler_innen ein starkes Sprachrohr schaffen und somit endlich die zahlenmäßig größte Gruppe, für welche die Schule auch definitiv am wichtigsten ist, mit ihren Anliegen zu Wort kommen lassen.


Generell gehört die Demokratie und damit die Mitbestimmung an den Schulen und im Unterricht, die leider nur in Ansätzen vorhanden ist, gestärkt und ausgebaut. Je früher man mit demokratischen Systemen in Berührung kommt, desto selbstverständlicher ist es später, wählen zu gehen, sich über die eigenen Rechte zu informieren und sich eine Meinung zu bilden. Gleichzeitig gehören gleiche Rechte für alle Schüler_innen propagiert: Kategorisierungen aufgrund von Vorurteilen wie "Mädchen können kein Mathe und tratschen viel" oder "Buben sind frech und mögen keine Sprachen" müssen endlich auch von den Lehrkräften über Bord geworfen werden.


Noch immer werden oftmals rassistische, sexistische, homophobe oder anderswie vorbelastete Äußerungen in Klassenzimmer geschickt, wo sie häufig auf Widerhall treffen. Dagegen zu kämpfen, mag vielen mühsam erscheinen. Das ist es auch, denn oft steht man mit seinen Forderungen allein auf weiter Flur. Trotzdem lohnt es sich, auch wenn das kurzfristig vielleicht nicht zu bemerken ist.


Deine Unterschrift
Das Ziel bleibt eine offene, demokratische und sozial gerechte Schule, in der sich niemand fürchten muss, zu sich selbst zu stehen, weder vor den Mitschüler_innen noch vor den Lehrkräften. Mit dem Bildungsvolksbegehren Anfang November kann ein Grundstein für die Umsetzung dieser und anderer, eigentlich selbstverständlicher und längst überfälliger, Forderungen gelegt werden.


Julia Jakob

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