Samstag 19. Mai 2012
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Theorie und Geschichte

Otto Bauer gilt bis heute vielen AktivistInnen am linken Rand der Sozialdemokratie, insbesondere innerhalb der Sozialistischen Jugend, als ideologische Autorität. Am 5. September 2011 hätte er seinen 130. Geburtstag gefeiert - Zeit für eine differenziertere Betrachtung.


Otto Bauer gilt als der Hauptvertreter des Austromarxismus schlechthin, genauso wie als Hauptautor des Linzer Parteiprogramms von 1926. Bereits im Alter von 24 (im Jahr 1905) veröffentlichte Bauer sein erstes ideologisches Werk "Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie". Kurz darauf wurde er Klubsekretär der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, während des ersten Weltkrieges war er als Reserveoffizier an der Ostfront eingesetzt, wo er in russische Kriegsgefangenschaft geriet und erst infolge der Oktoberrevolution 1917 befreit wurde.


Wieder daheim, wurde Bauer in der ersten Regierung der Republik zunächst zum Außenminister gemacht, trat aber bereits 1919 zurück, da er seine Anschlusspläne an Deutschland aufgrund der Pariser "Vororte-Verträge" nicht verwirklichen durfte. Diese Anschluss-Position sollte er bis zur Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933 behalten. Er wurde zweiter Vorsitzender der SDAP, hinter Karl Seitz, und unter anderem auch in seiner Rolle als Redaktionsmitglied der Arbeiter-Zeitung der geistige Führer der Sozialdemokratie in der ersten Republik. Als solcher zeichnet er auch für das ideologische Fundament der diversen sozialpolitischen Errungenschaften des "Roten Wien", die auf reformerischem Weg erreicht werden konnten, verantwortlich.


Das zentrale politische Konzept Bauers waren einerseits die Idee des "integralen Sozialismus" (also die Zusammenführung von SozialdemokratInnen und KommunistInnen) und andererseits die Errichtung des Sozialismus nach einem Wahlsieg der Sozialdemokratie mit Erreichen der absoluten Parlamentsmehrheit auf bürgerlich-demokratischem Weg. Diesem Ziel liegt, meiner Ansicht nach, die Fehlannahme zugrunde, der Staat sei ein "neutrales", ein von den Klassenverhältnissen unabhängiges Objekt, das auch problemlos "von innen heraus" verändert werden könne.


Die Differenz zwischen Otto Bauers ohnehin schon streitbarer Programmatik und dem tatsächlichen Handeln der SozialdemokratInnen in den späten 20er- bzw. den beginnenden 30er-Jahren scheint dennoch oft sehr groß. So versuchte sich die SDAP-Führung möglichst aus den Demonstrationen gegen den Freispruch der Arbeitermörder von Schattendorf am 15. Juli 1927 herauszuhalten. Im Nachhinein wurden die TeilnehmerInnen der Erstürmung und In-Brand-Setzung des Justizpalastes und der Folgeproteste sogar als "jugendliche Kommunisten" und als "Gesindel" bezeichnet. Ähnlich verhielt es sich im Februar 1934.


Als die Linzer Schutzbündler der SDAP-Führung in Wien mitteilten, sie würden sich gegen die laufenden Entwaffnungen des Schutzbundes durch Polizei und Heimwehren des faschistischen Ständestaates von nun an zur Wehr setzen, lautete die Antwort: "Ernst und Otto schwer erkrankt, vertaget das Unternehmen." Die zögerliche Haltung der Partei in Bezug auf einen drohenden Bürgerkrieg und die anschließende Niederlage in den Februarkämpfen 1934 kam nicht zuletzt durch Otto Bauers streng gewaltlose Haltung zustande.


Nach den Februarkämpfen 1934 flüchtete Otto Bauer zunächst nach Brünn, wo er das "Auslandsbüro der österreichischen Sozialdemokraten" (ALÖS) gründete, dann weiter nach Brüssel, wo das Auslandsbüro mit der Führung der geflüchteten "Revolutionären Sozialisten" zur "Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten" (AVOES) fusionierte. Beide Organisationen sollten die in Österreich zurückgebliebenen, illegalen SozialistInnen finanziell und logistisch unterstützen. Otto Bauer starb 1938 in Paris.


Michi Gogola

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